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Die Potsdamer Stange
Hoch stand der steife Schaum
im letzten Drittel der hohlen Glassäule
und der Mut der Durstigen,
nebst der Oberlippe auch etwas Nase
in die knisternde Blume einzutauchen,
wurde mit einem unvergleichlich erquickenden Zug
aus der blonden Tiefe des Glases belohnt.
Das Potsdamer Stangen - Bier
Man muss nach unserer Kenntnis dieses Bier als Kräusenbier bezeichnen, das über
einen hohen CO2-Gehalt verfügte.
Auf Grund der starken Schaumbildung beim Ausschank benutzte man ein hohes
stangenähnliches Glas,
worauf letztlich die Bezeichnung zurückzuführen ist.
Rückblickend mag die Potsdamer Stange, die es sowohl in ober- als auch in
untergäriger Variante gab, den erinnerungswerten Kompromiss zwischen einem hohen
Schaumvergnügen und der herben Prickelbrise aus der Weißbierkruke darstellen.
Es sei noch erwähnt, dass sich die Stangenbierherstellung besonders zur
Wiederverwendung von verwertbarem Rückbier, zum Beispiel aus Fasstreibern
eignete.
Das Potsdamer Stangen - Glas
Als Wirtschaftsglas allgemein im
Gebrauch war die „Potsdamer Stange“ im 19. Jahrhundert. Die Erfindung ist jedoch
älter als die Wilhelminische Epoche, sie hat ihren Ursprung viel früher, nämlich
in der Potsdamer Glashütte (1674 – 1736). Es gibt zwei unterschiedliche Größen
und zwei unterschiedliche Ausformungen (siehe Bild). Einmal die reine Zylinderform
(rechts) und
zweitens die konische Form (lings), bei der sich die Stange zum Fuß hin verjüngt. Eine
wulstige Fußplatte sorgt für gehörige Standfestigkeit.
In Berlin waren die Stangengläser auch zum Trinken des Weißbieres im Gebrauch,
bevor die Weißbierschalen und Klauengläser aufkamen.
Vorgänger der Stangengläser waren die stangenförmigen Humpen oder Pokale
(Passglas) aus dem
15.-16 Jahrhundert, deren Inhalt oft mehr als 4 Liter fasste und deren Höhe 46
cm erreichen konnte. Oft wurden spiralförmig Glasfäden um das Glas geschmolzen
(Bandwurmglas) die dem Trinkenden anzeigten, welcher Teil getrunken werden muss.
(Quelle: Märkisches Glasmuseum Neuglobsow)
ca. 100 Jahre alte mundgeblasene
Stangenbiergläser 0,6 l
Die Geschichte des Bieres Potsdamer Stange
Königsbrauerei zu Potsdam
Am Anfang der Leipziger Straße (Nr. 7-9),
wo der Brauhausberg steil zur Havel abfällt, wurde 1688 ein Kornmagazin für das
Proviantamt errichtet. Der Speicher l wurde ab 1716 als Königliche Brauerei
eingerichtet. Auf Wunsch Friedrich Wilhelms IV. wurde die Anlage 1844 von Ludwig
Persius im normannischen Burgenstil umgebaut.
Es wird berichtet, dass während der Regierungszeit des „Soldatenkönigs" -
Friedrich Wilhelm I. und des „Alten Fritz" - Friedrich II. die Königsbrauerei zu
Potsdam ein obergäriges Schankbier wegen der hohen Gläser „Stangenbier" genannt
- als festen Bestandteil der Soldzahlungen an die Soldaten lieferte.

Auf der Höhe des Brauhausberges ließ Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1804 für
die Königin Luise einen Aussichtsturm in neugotischem Stil erbauen. Unterhalb
des Turmes lag das beliebte Restaurant »Wackermanns Höhe«, das den Ausschank des
Potsdamer Stangenbieres hatte. Der Ausschank an dieser Stelle ist schon seit dem
Anfang des 19. Jh. überliefert.
Adelung & Hoffmann
1829
begründeten die von ihren Münchener Braustudien zurückgekehrten Potsdamer W.
Adelung und A. Hoffmann ihre „Bayrisch Bier Brauerey". Sie übernahmen die bis
dahin staatseigenen Braustätten am Fuß des Potsdamer Brauhausberges, die so
genannte Königsbrauerei in eigene Regie und brauten das erste untergäriges
Lagerbier in Preußens Residenz, führten aber auch die Brautradition des
Potsdamer Stangenbieres fort.
Der Betrieb wurde später auf die andere Straßenseite
(Leipziger Straße 60) verlegt.
Die Brauereiinhaber W. Adelung und A.
Hoffmann ließen im Berg noch heute vorhandene unterirdische Kellergewölbe in
Klinkerstein ausheben und als Eiskeller für die Brauereierzeugnisse nutzen. Aus
der Zeit der Romantik stammt auch die Fassadenplastik des Gambrinus, eines
sagenhaften flandrischen Königs, Zeitgenosse Karls des Großen, der als
Schutzherr der Brauer gilt.
Nach 1886 werden weitere Produktionsgebäude sowie ein neuer Betrieb in der Luckenwalder Straße errichtet.
Blechschild der Brauerei Adelung & Hoffmann
Das Potsdamer
Stangenbier, wurde beschrieben als alkoholreiches, in der Flasche
weiter gärendes, stark schäumendes bairisches Bitterbier, welches aus hohen
Gläsern getrunken wurde.
Das erfrischende Geheimnis des von Adelung und Hoffmann kreierten Stangenbieres,
bestand in einer fein ausgewogenen Mischung als Lagerbier und Kräusen, also
Jungbier, die der runden Reife den prickelnden Charakter verliehen und auch der
Verdauung des Genießers mitunter auf die Sprünge halfen.
Stangenbier- Etikett der Brauerei Adelung & Hoffmann in Potsdam
Kindl Brauerei Abteilung II
Potsdam
 Die
Brauerei Adelung und Hoffmann ging Ende des vorigen Jahrhunderts in die
Vereinsbrauerei Berlin über, die später in Berliner Kindl Brauerei umbenannt
wurde.
Noch in den 30er Jahren wurde von der Kindl Brauerei Potsdam Stangenbier als
Fass- und Flaschenware ausgeliefert.
Aber auch die Brauereien Senst, Seibert und Franz Lamm in Potsdam stellten das
Stangenbier her.
Pappschild-Werbung
Brauerei Senst Potsdam

Stangenbierglas Brauerei W. Senst A.G.
Potsdam
geeicht bei 0,5 l
Vereinigte Werdersche Brauereien

Auch in Werder wurde Ende des
19. Jahrhunderts Potsdamer Stangenbier hergestellt.
Das Etikett stammt von 1902.
Der Zusammenschluss der 4 Werderschen Brauereien zu den Vereinigten Werderschen
Brauereien 1896 erfolgte um den Konkurrenzdruck aus Berlin und Potsdam
standzuhalten. 1916 wurde Konkurs angemeldet.
Die Geschichte der Werderschen Brauereien siehe
Werdersches
Etikett 15.9.02 : Potsdamer Stangenbier,
Löwen - Brauerei Berlin


Potsdamer Stange - Etiketten aus der Löwenbrauerei Berlin

Ansichtskarte 1912 Gaststätte Potsdamer Stange in Berlin
VEB Getränkekombinat Potsdam
Anlässlich des 20. Jahrestages der Gründung der DDR befasste sich ein
Kollektiv der Brauerei in der Einsteinstrasse mit der Wiederaufnahme der
Stangenbier - Produktion im Jahr 1969.
Die Einweihung des Interhotels (heute Hotel Mercure) und der Langen Brücke
fielen in diese Zeit, was sich in dem Etikett widerspiegelt.
Es wurde eine Flaschengärung in 0,5 l Flaschen durchgeführt. Nach der
Auslieferung mussten die Flaschen in der Gaststätte noch eine Ruhephase bei
möglichst bierfreundlichen Temperaturen durchmachen, um beim Ausschenken den
Bodensatz zurückzuhalten.
In Abstimmung mit dem Handel wurden einige spezielle Gaststätten ausgewählt, die
mit Stangenbiergläsern ausgestattet, den Ausschank aufnahmen.
Trotz eines durchaus vorhandenen Zuspruchs bei den Gästen ist das damalige
„Stangenbierexperiment“ - so möchte ich es aus heutiger Sicht mal bezeichnen -
an den genannten notwendigen Voraussetzungen sowie der Preisfrage (0,5l -1,28 M)
gescheitert.
Potsdamer Stangenbiergläser
DDR aus dem VEB Getränkekombinat Potsdam
Logos von DDR Stangenbiergläsern
Etiketten Potsdamer Stange, Braukombinat, später
Getränkekombinat Potsdam

Berliner Kindl Braustätte Neukölln (Berlin)
 Im
Jahr 1977 ließ die Westberliner Kindl Brauerei das Stangenbier wieder aufleben -
und zwar im Rahmen der Bewegung „Gesunde Ernährung“ als kalorienarmes
Schankbier.
Das Bier war obergärig, filtriert und wurde in 0,33l Flaschen ausgeliefert. Nach ca. 4
Jahren wurde die Produktion wieder eingestellt.
Berliner Kindl Stangenbier,
Glas mit Eichstrich bei 0,3 l

mundgeblasenes Stangenbierglas aus den 1970-ziger
Jahren
geeicht
bei 0,5 l oder 0,6 l,
Fassungsvermögen ca. 0,7 l,
sehr schweres, dickes Glas, 828 Gramm,
30cm hoch, 7cm Durchmesser
Aufschrift:
Berliner Kindl Brauerei AG
Abteilung II Potsdam
Braustätte
des
Original Potsdamer Stangenbier
Wir danken Michael Weidner und anderen Mitgliedern des Vereins für
Brauereigeschichte Berlins e.V. für die freundliche Unterstützung mit Ihrem
Material über die Potsdamer Stange! |